Gerd de Bruyn
Bremens letzte Jahre
Roman
Der Melancholiker Bremen blüht erst nach dem Tod auf. In den letzten Lebensjahren widmet er sich seiner Obsession: der abstrusen und heillosen Umgestaltung seiner Wohnung. Statt sich zu freuen, dass eine junge Frau seine Nähe sucht, lebt er in der Überzeugung der geborene Einsiedler zu sein.
Die neue Erzählung Gerd de Bruyns bietet eine Art Psychopathologie der modernen Architektur. Franz Bremen ist ein von Zwangsneurosen und religiösen Wahnvorstellungen getriebener Mensch. Ein unbeirrbarer Ordnungsfreak, der die Stellung der Möbel und Verläufe sämtlicher Linien, Ecken und Kanten im Raum millimetergenau kontrolliert. Konterkariert werden seine Handlungen durch eine mysteriöse Tierliebe, die ihm unbewusst bleibt. Erstaunt registriert er, dass er seinen einzigen und wichtigsten Rückzugsort mit immer mehr Untermietern teilen muss.
Bremens letzte Jahre (im Himmel und auf Erden) folgt auf die Erzählung Das mächtige Häuflein (2016) und das Rockermärchen Erlenbruch (2019). Der Autor nennt sein Buch einen Roman, obschon es nicht umfangreicher ist als die Vorgänger. Auf Illustrationen wurde diesmal verzichtet, stattdessen finden sich im Anhang Proportionsstudien und andere Zeichnungen, die der Hauptperson zugeschrieben werden. Trotz Gattungsunterschieden bilden die drei Bände ein Ganzes: die Abfolge von Jugend (Erlenbruch), Erwachsensein (Häuflein) und Alter (Bremen).
Taschenbuch, 12 cm x 19 cm
176 Seiten
ISBN: 978-3-928249-83-6
12,90 €
Edition Staub im Skript-Verlag 2020
Auch als e-Book lieferbar! ISBN 978-3-928249-86-7 zum Preis von 7,99 €
Rezensionen:
4,0 von 5 Sternen Eigentümliche Wunschlos-Biografie
amazon-Rezension aus Deutschland vom 31. Juli 2020
Während Andreas Maier mit seiner Recherche aus der hessischen Wetterau Buch für Buch liefert und in kleinstteiliger und bisher unabsehbarer Folge vorgeht, hat sich Gerd de Bruyn auf einen klassisch wirkenden Dreischritt beschränkt: ein Leben in den Post-68er-Intellektuellen-WG-Milieus Frankfurts ("Das mächtige Häuflein"). Danach erschien die Pubertät und frühe Jugend als Möchtegern-Easy-Rider (das Rockermärchen "Erlenbruch"). Und jetzt das Finale eines in eigener Gestaltungs-Verrücktheit endenden Sonderlings namens Bremen. Eine Trilogie der fortlaufenden Lebens-Verklausurierung in lakonisch und gestellt einfachem Stil zwischen mal präziser und leuchtender Satzgestalt, mal dürrer Eindrucksregistrierung.
Der vergrätzte Eremit Bremen in seiner versumpften Wohnhöhle mit festgeschraubten Möbeln und klemmendem Beziehungsversuch. Und einem orpheischen Ende in der Sphäre schwebender Geister. Wer Henscheids "Vollidioten-Trilogie" mag, dürfte hier mit spätem und abgespecktem, leichtgängigem Nachwuchs beschäftigt sein. Und wenn man zunächst das Rockermärchen "Erlenbruch", sodann das "Mächtige Häuflein" und zuletzt "Bremens letzte Jahre" liest, könnte das eine eigentümliche Wunschlos-Biografie sein.
Kabau52
Wolfgang Bachmann schreibt zu “Bremens letzte Jahre” in marlowes:
Wenn (Natur-)Wissenschaftler nach dem Abschluss ihres Berufslebens belletristisch arbeiten, bringen sie eine gute Voraussetzung mit: Sie können exakt beobachten und analysieren. Großartig, wenn sie auch noch über Sprachgefühl und eine ironische Begabung verfügen. Bei Gerd de Bruyn trifft das alles zu.
Mit diesem Buch beschließt Gerd de Bruyn, vormals Leiter des igma (Institut für Grundlagen Moderner Architektur) in Stuttgart, den Dreisatz erzählter Lebensabschnitte über Jugend und Erwachsensein mit einer Altersgroteske – man findet den Spaziergänger Franz Bremen (58) tot in schäbiger Kleidung krumm und quer auf einem Weg liegend. Man könnte dieses Ereignis als endliche Befreiung vom eingesperrten Dasein oder auch als Auftakt ewiger Sündenstrafen betrachten, denn es konterkariert drastisch sein kauziges Leben.
Bremen war ein Pedant, der sich bei gleichzeitiger Verwahrlosung seiner Umgebung eine präzise Ordnung installiert hatte. In seiner Wohnung mussten sich die unverrückbar fixierten Möbel präzise an Fluchtlinien halten, und damit sie dieser rechtwinkligen Räson folgen konnten, hatte er sogar ihre Fronten geglättet und Profile, Leisten und störende Konturen entfernt. Natürlich fallen einem zur Warnung Architektenkollegen ein, denen man irgendwann begegnet ist, vielleicht handelt es sich bei Bremens Marotten für ein „Kunst- und Lebensreformwerk“ auch um die fehlgeleitete Ambition, mit der Ludwig Wittgenstein das berühmte Haus für seine Schwester entworfen hat.
Als Beruf gab Bremen den altertümelnden Begriff „Geometer“ an, seinen Unterhalt bestreitet er jedoch aus der bescheidenen Lebensversicherung seiner verstorbenen Frau. Er geht ins Café Schumann und trifft sich mit einem Debattierzirkel in den Wielandstuben, doch pflegt er keine Freundschaften und wird zum Ausgleich rätselhaft von allerlei Getier heimgesucht. Einer Verführung durch eine Kaffeehausbekanntschaft weiß er sich zu entziehen. Man darf sicher sein, dass de Bruyn neben den Seitenblicken auf die Architektur seinem Bremen einiges mitgegeben hat, was ihn selbst lästig begleitet: der Dudelfunk des Radioprogramms, die alberne Hampelei des Tanzens oder der Gruppenzwang verordneter Freizeitbetätigungen. Viel ereignet sich nicht in der knappen Geschichte, man hätte sie gut mit einem zweiten spannenden Erzählstrang verschneiden oder die Handlung ins Absurde zuspitzen können. Aber manchmal mag man sich als Leser auch gerne der Nahaufnahme eines Hintergrundrauschens widmen.
Als Beruf gab Bremen den altertümelnden Begriff „Geometer“ an, seinen Unterhalt bestreitet er jedoch aus der bescheidenen Lebensversicherung seiner verstorbenen Frau. Er geht ins Café Schumann und trifft sich mit einem Debattierzirkel in den Wielandstuben, doch pflegt er keine Freundschaften und wird zum Ausgleich rätselhaft von allerlei Getier heimgesucht. Einer Verführung durch eine Kaffeehausbekanntschaft weiß er sich zu entziehen. Man darf sicher sein, dass de Bruyn neben den Seitenblicken auf die Architektur seinem Bremen einiges mitgegeben hat, was ihn selbst lästig begleitet: der Dudelfunk des Radioprogramms, die alberne Hampelei des Tanzens oder der Gruppenzwang verordneter Freizeitbetätigungen. Viel ereignet sich nicht in der knappen Geschichte, man hätte sie gut mit einem zweiten spannenden Erzählstrang verschneiden oder die Handlung ins Absurde zuspitzen können. Aber manchmal mag man sich als Leser auch gerne der Nahaufnahme eines Hintergrundrauschens widmen.
Jakob Maria
4,0 von 5 Sternen Was ist schon normal?
Bewertet in Deutschland am 31. August 2020
Ist Franz Bremen wirklich so ein ungewöhnlicher Mensch? Schwermütig und beziehungsscheu, mit einer Obsession für alles Geradlinige und Exakte, hat er Probleme mit dem „Zwischenmenschlichen“. Nach einem Klosterbesuch in Assisi wird er zu einer Art Privatmönch und erlebt prompt eine rätselhafte Zutraulichkeit von jederlei Tieren.
Im Pressetext wird Gerd de Bruyns neuer Roman als „eine Art Psychopathologie der modernen Architektur“ angekündigt. Charakteristika moderner Architektur tauchen auch gleich am Anfang in Bremens Vorliebe für Landschaften mit rechteckigen Feldern und schnurgeraden Wegen auf oder in seiner Vision von einer stimmig modellierten Bergwelt ohne bizarre oder „missratene“ Formen und gipfeln schließlich in einer Persiflage des architektonischen Modernismus, wenn Bremen die Möbel seiner Wohnung durch das Begradigen von Kanten und das Absägen von unregelmäßigen Teilen auf einheitliche Maße und Formen bringt.
Begreift man die moderne Architektur dabei als beispielhaft für die Moderne generell, dann kann deren Psychopathologie wohl stellvertretend für die seelischen Leiden unserer Gesellschaft im Allgemeinen verstanden werden: Bei aller Absonderlichkeit der Hauptfigur, umreißt das Buch alles in allem doch einen Ausschnitt allgemein menschlicher Lebensverhältnisse. In den Alltagssituationen und Begegnungen mit einer Reihe mehr oder weniger „normaler“ Figuren, wie man sie zu kennen glaubt, erscheint Bremen zunächst zwar als seltsamer Kauz. Doch aus seiner Perspektive zeichnet sich deren Normalität als aufdringlich, geschwätzig und überdreht ab.
Es gibt Menschen, die bis heute mit der modernen Architektur nicht warm werden. Doch Bremen leidet nicht an dem, was die Anderen als deren „menschenfeindliche Schmuck- und Ideenlosigkeit“ beklagen. Ihn quälen andere Dinge, z. B. die Verlogenheit der Unterhaltungsindustrie, wie etwa die „glucksende und aufsässige Fröhlichkeit“ von Radiomoderatoren. Trotz seiner selbstgewählten Zurückgezogenheit leidet er an der Ausgrenzung durch die Mitmenschen. Die Erzählung entlarvt die Menschen, denen er begegnet, in ihrer Profilierungssucht und Wichtigtuerei, in ihrer Selbstgefälligkeit und Oberflächlichkeit. Auch die junge Frau, die Bremen kennenlernt, nutzt ihn aus, ihre körperliche Annäherung ist nicht ehrlich gemeint, sondern sie erlaubt sich einen Spaß mit ihm.
Bremen hingegen, dem das „Zwischenmenschliche“ zur Qual wird, hat durchaus die Sympathien des Autors. In all seiner Verschrobenheit wird er doch liebevoll und mit großer Einfühlsamkeit beschrieben. Er ist unglücklich, „von Kindesbeinen an von Freudlosigkeit umfangen“ und wird von Selbstmordfantasien heimgesucht. Aber er lebt genügsam in einem selbstgeschaffenen Lebensraum, den er durch die Zurichtung der Wohnung hergestellt hat, er „glaubte sich geheilt beim Anblick seiner Schreinerarbeit, die eigentlich ein Kunst- und Lebensreformwerk genannt zu werden verdiente.“
In einem für manchen Leser sicher befremdlichen Gegensatz zum sonstigen Buch steht das letzte Kapitel. Es spielt im Hades, einem Schattenreich, wo sich Bremen nach seinem Tod „in einem angenehmen Trancezustand“ gefangen und befreit von allen Zwängen und Bedürfnissen, endlich wohlfühlt. Das Euphorische dieses Schwebezustands durchzieht den Text des ganzen Kapitels.
Ein besseres Lektorat hätte dem Buch sicher gut getan, um ein paar Stolperstellen zu glätten und zu vermeiden, dass der Industriedesigner Albert von Schlitz nicht auch als Herr von Stich auftaucht.
Bei aller Alltagsnähe besitzt der Roman die Poesie eines Märchens, manches rätselhafte Geschehen wird nicht erklärt. Es fehlte nur noch, dass die Tiere, die Bremen „anzog wie ein Magnet Eisenspäne“, so wie beim hl. Franziskus zu sprechen begännen.
Neben einer Fülle von Querbezügen und teils versteckten Anspielungen auf bekannte Geistesgrößen, Leibniz, Büchner, Arno Schmidt, Helmuth Rilling u. a. befördern die unprätentiöse Sprache und die Gewöhnlichkeit des Milieus, bei denen man an Eckhard Henscheid denken mag, eine schwungvolle Lektüre. Wie auch schon in „Erlenbruch“ und „Das mächtige Häuflein“, so gelingt dem Autor auch in „Bremens letzte Jahre“ eine sorgsame Schilderung der Charaktere mit feinfühligem Verständnis für ihre Macken und Schwächen.
Begreift man die moderne Architektur dabei als beispielhaft für die Moderne generell, dann kann deren Psychopathologie wohl stellvertretend für die seelischen Leiden unserer Gesellschaft im Allgemeinen verstanden werden: Bei aller Absonderlichkeit der Hauptfigur, umreißt das Buch alles in allem doch einen Ausschnitt allgemein menschlicher Lebensverhältnisse. In den Alltagssituationen und Begegnungen mit einer Reihe mehr oder weniger „normaler“ Figuren, wie man sie zu kennen glaubt, erscheint Bremen zunächst zwar als seltsamer Kauz. Doch aus seiner Perspektive zeichnet sich deren Normalität als aufdringlich, geschwätzig und überdreht ab.
Es gibt Menschen, die bis heute mit der modernen Architektur nicht warm werden. Doch Bremen leidet nicht an dem, was die Anderen als deren „menschenfeindliche Schmuck- und Ideenlosigkeit“ beklagen. Ihn quälen andere Dinge, z. B. die Verlogenheit der Unterhaltungsindustrie, wie etwa die „glucksende und aufsässige Fröhlichkeit“ von Radiomoderatoren. Trotz seiner selbstgewählten Zurückgezogenheit leidet er an der Ausgrenzung durch die Mitmenschen. Die Erzählung entlarvt die Menschen, denen er begegnet, in ihrer Profilierungssucht und Wichtigtuerei, in ihrer Selbstgefälligkeit und Oberflächlichkeit. Auch die junge Frau, die Bremen kennenlernt, nutzt ihn aus, ihre körperliche Annäherung ist nicht ehrlich gemeint, sondern sie erlaubt sich einen Spaß mit ihm.
Bremen hingegen, dem das „Zwischenmenschliche“ zur Qual wird, hat durchaus die Sympathien des Autors. In all seiner Verschrobenheit wird er doch liebevoll und mit großer Einfühlsamkeit beschrieben. Er ist unglücklich, „von Kindesbeinen an von Freudlosigkeit umfangen“ und wird von Selbstmordfantasien heimgesucht. Aber er lebt genügsam in einem selbstgeschaffenen Lebensraum, den er durch die Zurichtung der Wohnung hergestellt hat, er „glaubte sich geheilt beim Anblick seiner Schreinerarbeit, die eigentlich ein Kunst- und Lebensreformwerk genannt zu werden verdiente.“
In einem für manchen Leser sicher befremdlichen Gegensatz zum sonstigen Buch steht das letzte Kapitel. Es spielt im Hades, einem Schattenreich, wo sich Bremen nach seinem Tod „in einem angenehmen Trancezustand“ gefangen und befreit von allen Zwängen und Bedürfnissen, endlich wohlfühlt. Das Euphorische dieses Schwebezustands durchzieht den Text des ganzen Kapitels.
Ein besseres Lektorat hätte dem Buch sicher gut getan, um ein paar Stolperstellen zu glätten und zu vermeiden, dass der Industriedesigner Albert von Schlitz nicht auch als Herr von Stich auftaucht.
Bei aller Alltagsnähe besitzt der Roman die Poesie eines Märchens, manches rätselhafte Geschehen wird nicht erklärt. Es fehlte nur noch, dass die Tiere, die Bremen „anzog wie ein Magnet Eisenspäne“, so wie beim hl. Franziskus zu sprechen begännen.
Neben einer Fülle von Querbezügen und teils versteckten Anspielungen auf bekannte Geistesgrößen, Leibniz, Büchner, Arno Schmidt, Helmuth Rilling u. a. befördern die unprätentiöse Sprache und die Gewöhnlichkeit des Milieus, bei denen man an Eckhard Henscheid denken mag, eine schwungvolle Lektüre. Wie auch schon in „Erlenbruch“ und „Das mächtige Häuflein“, so gelingt dem Autor auch in „Bremens letzte Jahre“ eine sorgsame Schilderung der Charaktere mit feinfühligem Verständnis für ihre Macken und Schwächen.
Gerd de Bruyn wurde 1954 in Köln geboren und verbrachte sein halbes Leben in Frankfurt am Main. Heute lebt er in Tübingen und lehrt Architekturtheorie an der Universität Stuttgart. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten verfasste er auch Essays für den Deutschlandfunk, Hör- und Theaterstücke, den Gedichtband „denken: body, sprechen: poe“ (2010), die Reimerzählung „Die Brandstifter von Dünkelkirchen“ und den Romanessay „Das artemisianische Prinzip“ (beides 2014 in der Edition Staub erschienen).