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Gerd de Bruyn: Das mächtige Häuflein - SKRIPT-Verlag - Wolfgang Reif

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Gerd de Bruyn
Das mächtige Häuflein
Ein Frankfurter Jazz-Diorama. Zeichnungen von Alban Janson.

„Das mächtige Häuflein“ ist eine humorvolle Milieustudie über eine Jazzmusik liebende Gelehrtenrepublik der achtziger Jahre. Schauplatz ist Bornheim, ein Stadtteil in Frankfurt am Main. Hauptpersonen sind der Wasserhäuschen-Pächter Teste, die Organistin Traudel und ihr Freund, der Dioramen bastelnde Bruns. Sie und alle anderen – die schöne Isolde, Solo, Ruth, Dieter, die heilige Elisabeth, Gudrun, Rainer und der schwule Erwin – verweigern sich den Verlockungen einer Welt, die inzwischen derart ökonomisiert ist, dass sogar die Nischen verschwunden sind, in denen der Widerstand gegen den Kapitalismus einst die Form einer Idylle annehmen konnte. Alban Janson ist es gelungen, Zeichnungen beizusteuern, die aufgrund ihres ästhetischen Eigensinns nicht als Illustrationen zur Geschichte missverstanden werden können und dennoch auf die Stellen im Buch, an denen sie stehen, engsten Bezug nehmen. Man wird kaum ein zweites Werk nennen können, in dem die Selbstständigkeit und gegenseitige Durchdringung von Text und Bild derart gesteigert scheint.

Gebundene Ausgabe mit Fadenheftung, Schutzumschlag und Lesebändchen
152 Seiten, 19 cm x 12 cm
ISBN: 978-3-928249-73-7
28,00 €

Taschenbuchausgabe
152 Seiten, 19 cm x 12 cm – 12,00 €
ISBN: 978-3-928249-80-5
12,00 €

Gerd de Bruyn wurde 1954 in Köln geboren und verbrachte sein halbes Leben in Frankfurt am Main. Heute lebt er in Tübingen und lehrt Architekturtheorie an der Universität Stuttgart. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten verfasste er auch Essays für den Deutschlandfunk, Hör- und Theaterstücke, den Gedichtband „denken: body, sprechen: poe“ (2010), die Reimerzählung „Die Brandstifter von Dünkelkirchen“ und den Romanessay „Das artemisianische Prinzip“ (beides 2014 in der Edition Staub erschienen).

Alban Janson wurde 1948 in Mainz geboren. Er absolvierte ein Architekturstudium und arbeitete als Stadtplaner in Tansania. Es folgte ein Studium der Freien Kunst an der Frankfurter Städelschule. Gemeinsam mit Sophie Wolfrum führt er seit 1989 ein Büro für Architektur und Stadtplanung. Von 1994 bis 2013 leitete er den Lehrstuhl für Grundlagen der Architektur an der Universität Karlsruhe (KIT). Alban Janson lebt und arbeitet in München.
Rezensionen:

Die Frankfurter Rundschau vom 6. Dezember 2016 schreibt:
„Borniertes Frankfurter Biedermeier
Gerd de Bruyns Milieustudie „Das mächtige Häuflein“ führt in und prekäre Verhältnisse vor
Von Christian Thomas
Kein Mensch, der nicht restlos durchschaut wird. Das gilt auch für Frankfurt, dessen Vedute bereits auf den ersten beiden Seiten, noch aus der Fernsicht auseinandergenommen wird wie in einer garstigen Glosse. Auch dabei bleibt es nicht, denn Gerd de Bruyns „Das mächtige Häuflein“ ist als Erzählung gedacht. Aber auch damit hat es kein Bewenden, denn das Büchlein ist in weiten Teilen so etwas wie eine bitterböse Milieustudie der Frankfurter Szene der achtziger Jahre, Jazz-fixiert, mit einem obendrein stark Bornheim-zentriertenWeltbild. De Bruyn, der diese Welt in den 80er und 90er Jahren kennengelernt hat, bevor er als Professor der Architektur nach Stuttgart berufen wurde, stellt dieses Häuflein nun allerdings alles andere als mächtig dar. Das ist die pure Ironie! Sie gilt dem Wasserhäuschenpächter Teste, dem Dioramenbauer Bruns, sie gilt der Organistin Traudel, der schönen Isolde, dem schwulen Erwin – sie gilt einer „Gelehrtenrepublik“, was eine Anspielung ist, allerdings auch eine Lebenslüge offenbart. Führt doch de Bruyns Studie ein Milieu vor, das, bürgerlichen Existenzweisen gegenüber zutiefst kritisch, aus einer Gemeinschaft der Scheiternden besteht. Aus einer Notgemeinschaft, einer Nischenexistenzgemeinschaft. Lesern ist das vertraut aus Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“. Zum ganzen Drumherum (der Welt) steht man als Nörglernatur, als Missmutbürger steht man im Leben.
Das Buch führt in und prekäre Verhältnisse vor. Man zehrt vom Schwadronieren, hält es mit den Outlaws in Literatur und Musik, mit den Vertretern einer unmoderaten Moderne, was, sofern sich nicht ein drastischer Szenejargon ausspricht, in einem altväterlichen Ton erzählt wird. Der Modernefuror gründet in romantischen Reminiszenzen. Auch dabei bleibt es nicht, denn nicht nur wegen vieler Verweise (Guy Debord, Chet Baker, Buckminster Fuller, Jean Paul) oder einer (echt heiklen) Anspielung auf Paul Celan, legt der Erzähler einen enervierenden Bescheidwisserton an den Tag. Soll heißen: Die Erzählung kippt immer wieder in die Erklärung. Erklärtermaßen geht es um alles andere als nur das humorvolle Hochnehmen einer „ärmlichen Lebensführung“ in einem wahrhaftig unheimlich antibürgerlichen Biedermeier.“

Die Frankfurter Neue Presse vom 13. Juli 2017 schreibt:
Organistin unerwünscht
Ein Büchlein über gescheiterte Jazz-Liebhaber
von Dierk Wolters
„In der Erzählung „Das mächtige Häuflein“ führt Gerd de Bruyn mitten hinein ins Frankfurter Nach-68er-Milieu der frühen 80er Jahre. Was ist das für eine seltsame Gesellschaft, die wir da kennenlernen? Teste, der ein Wasserhäuschen gepachtet hat, Bruns, ein Künstler, und Traudel, die sich ihm als Freundin andient, was nicht ganz unproblematisch ist, weil Traudel nämlich Organistin ist, und das ist verpönt im Kreis. Verpönt, weil man den Jazz schätzt, darauf hält man sich etwas zugute, immerhin war Frankfurt einmal Deutschlands Jazzhauptstadt, zumindest in den 50er Jahren war das so, und auch noch in den 60ern und ein bisschen in den 70ern. Aber da wurde es auch schon mau, und von der großen Tradition war nicht mehr ganz so viel zu spüren.
Kein Grund für „das mächtige Häuflein“, wie Autor Gerd de Bruyn seine überschaubare Darstellertruppe benamt, diese ehrwürdige Tradition, die irgendwie intellektuelle Exklusivität verheißt, nicht weiterzuführen. Ums Anders-Sein nämlich, ums Nicht-Mitschwimmen im Strom des Kapitalismus, ums genussvolle Ausscheren, um einen alternativen Lebensentwurf ist es dem Häuflein zu tun, wobei das Alternative nicht demonstrativ zur Schau getragen wird, sondern sich in eher leise resignativ gelebten Details wie eben der Liebe zum Jazz äußert. Die aber ist dann nicht verhandelbar: Organistin, das geht gar nicht, und dann auch noch bayerischer Herkunft – mehr als heikel. Gerd de Bruyn erzählt in kurzen Kapiteln Episoden aus den Lebensläufen des Häufleins, vom Beziehungs-Hin-und-Her und vom traurigen Stolz darauf, zu den letzten Aufrechten zu gehören. Er erzählt es historisierend, so wie einen Rückblick in ein vergangenes Zeitalter, mit aller Wehmut, die dazugehört, denn der Erzähler war offensichtlich einer, der auch einmal zum „Häuflein“ gehörte, aber auch mit einer gelegentlich ins Gehässige kippenden Ironie.
Mit der „Gelehrtenrepublik“ beispielsweise, über die der Erzähler anfangs zu schreiben verspricht, ist es nämlich nicht weit her. Der Wasserhäuschenbesitzer, der Künstler und ihre wechselnden Frauen (Isolde, Ruth, Elisabeth . . .) sind mitnichten die gedanklichen Alles-Durchdringer, als die sie einmal angetreten waren. Ihre alternativen Lebensentwürfe sind in Wahrheit prekär bis trist. Sie sind „auf gewisse Frankfurter Herrschaften schlecht zu sprechen, die in den späten Achtzigern politisch Karriere machten und in höchste Regierungsämter aufstiegen“, wie der Erzähler mitzuteilen nicht versäumt. Wie mit einem Raumschiff nähert sich der 1954 geborene Autor, der heute in Stuttgart lebt, übrigens Literatur- und Musikwissenschaften an der Goethe-Universität studierte und anschließend die Architekturklasse der Städelschule besuchte, dieser eigenartigen „Zeit des Übergangs, als es in Frankfurt weniger hektisch zuging“, fliegt über die Taunushänge, um schließlich mitten in Bornheim zu landen und sich dort umzutun. Und nachdem dies vollbracht ist, fliegt er ebenso unversehens wieder davon: in einer Spaß- und Spuk-Volte, die das Personal, das er hinter sich lässt, wie ein Relikt aus einer anderen, endgültig vergangenen Zeit zurücklässt. Nichts bleibt als eine gespenstische Erinnerung.“

Kabau52
5,0 von 5 Sternen Ironische Nostalgie
Bewertet in Deutschland am 20. Oktober 2016
Ein geistvolles und witziges Buch, das sich irgendwo zwischen Eckhard Henscheids "Vollidioten" und Frank Witzels RAF-Erfindungsroman aufhält. Kleines Format über eine der zahllosen kleinen ideologischen sozialen Nischen der 70/80er Jahre, wo sich zeitgeistbewegte, mit kritischer Theorie geschmückte akademische Jugend zwischen Baum und Borke, also im Schattenreich selbstgewählter prekärer Existenzform, bewegte. Spielt im Frankfurter studentischen Milieu unter kritischen Nichtkämpfern mit erhaben-mönchischen Haltungen, aber auch schwachbrüstigen libidinösen Eroberungsversuchen. Der Autor scheint irgendwie drin zu stecken und hat auch Distanz. Liest sich glatt weg, bleibt auf dem Teppich und ist für Liebhaber der Post-68er-Generationen-Romantik unbedingt zu empfehlen.


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